Willkommen bei Rapporteur AM! Jeden Tag liefern wir Ihnen die wichtigsten Nachrichten und Hintergründe aus der EU- und Europapolitik.

 

Das Wichtigste:

  • Zeitplan für EU-Beitritt: Ukraine & Co. warten auf Ankündigung

  • Österreich hat keine Eile bei Budgeteinigung

  • Irland: Gegenwind im eigenen Land wegen „Kürzungen“ bei Hilfsgeldern

 

Brüsseler Bubble: Marta Kos ist zum Scherzen aufgelegt

 
rapporteur Brüssel im Überblick
[Klaudia Radecka/NurPhoto via Getty Images]

 

Die Europaminister werden heute beim Mittagessen in Luxemburg die neuen Ideen der Kommission zur Erweiterung der Union besprechen.

 

Angesichts des übervollen Programms für den Brüsseler Gipfel am Donnerstag und Freitag heißt es bereits, die Erweiterung könnte von der Agenda der Staats- und Regierungschefs verdrängt werden – wieder einmal.

 

Viele blicken allerdings schon über den Gipfel hinaus.

 

Am 28. Oktober wird EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos für jeden der Beitrittskandidaten mit den besten Aussichten – namentlich die Ukraine, Moldau, Albanien und Montenegro – ein eigenes Datum präsentieren.

 

Ein Beitrittsdatum ist das nicht. Vielmehr handelt es sich um den Zeitpunkt, bis zu dem die Kommission jedem Land zutraut, die Beitrittsverhandlungen abzuschließen – vorausgesetzt, es hat seine Reformen umgesetzt. Nach diesen Stichtagen könnte die EU durchaus noch weitere Jahre mit der Ratifizierung der Mitgliedschaft verbringen.

 

Mit ihrem Plan will die Kommission „einen Anker für die Verhandlungen setzen“, ohne vorwegzunehmen, in welchem Tempo sie vorankommen.

 

Trotz all der genannten Einschränkungen geht die Kommission im Berlaymont ein politisches Risiko ein, wenn sie Termine in die Erweiterungspolitik einführt – selbst in einem frühen Stadium. Schließlich hat Brüssel über diesen Politikbereich nur wenig Kontrolle.

 

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reagiert auf selbst gesetzte Fristen bei der Erweiterung geradezu allergisch. Im Februar wies sie Kyjiws Forderung nach einer Beitrittszusage für 2027 zurück.

 

Zugleich ist es aber auch ein Mittel, um Druck auf die Mitgliedstaaten auszuüben, damit diese die Fortschritte der Kandidaten nicht länger wegen sachfremder bilateraler Streitigkeiten aufhalten – so wie es etwa Kroatien derzeit bei Montenegro tut.

 

Österreichs Europaministerin Claudia Bauer sagte gegenüber Rapporteur, es sei keine gute Idee, überhaupt Termine festzulegen – nicht einmal für den Abschluss einzelner Verhandlungscluster. „Es gibt einen klaren Prozess, und der beruht auf Leistung. Die Ukraine muss jetzt die notwendigen Reformen umsetzen“, sagte sie zu Victoria Becker von Rapporteur.

 

Die gute Nachricht für Kyjiw: Die EU öffnet heute zwei weitere der insgesamt sechs Verhandlungscluster. Damit können die formellen Verhandlungen in zusätzlichen Bereichen beginnen.

 

Zuvor hatte das ukrainische Parlament am Montag Änderungen zur Stärkung der Minderheitenrechte gebilligt – so, wie Ungarn es gefordert hatte.

 

„Die Ukraine macht ihre Hausaufgaben und hält ihre Zusagen ein. Da ist es nur fair, wenn die Europäische Union im Gegenzug den Weg der Ukraine zur Mitgliedschaft voranbringt“, sagte Jewhenija Krawtschuk, eine ranghohe Abgeordnete der Partei von Wolodymyr Selenskyj, gegenüber Eddy Wax von Rapporteur.

 

Eine Garantie, dass Ungarn – oder irgendein anderes Land – nicht neue Gründe findet, um die Gespräche mit der Ukraine auszubremsen, gibt es allerdings nicht.

 

 

EU-Budget: „Wir können warten“, warnt Österreich

Österreichs Europaministerin Claudia Bauer hat es nicht eilig. Ihr Land stehe beim EU-Budget für die Jahre 2028 bis 2034 nicht unter Druck, überstürzt einen Deal abzuschließen, sagte sie.

 

„Ein schlechter Kompromiss wird nicht besser, nur weil wir ihn schneller beschließen“, sagte Bauer im Gespräch mit Victoria Becker von Rapporteur.

 

Österreich, Deutschland und die Niederlande drängen darauf, den ursprünglichen Vorschlag der Kommission von 2 Billionen Euro um mehrere hundert Milliarden Euro zu kürzen. Lesen Sie den vollständigen Artikel.

 

 

Frankreich tanzt auf zwei Hochzeiten

Paris hält sich alle Optionen offen, während der Streit um das nächste langfristige EU-Budget an Fahrt aufnimmt.

 

Der französische Minister Benjamin Haddad nahm gestern Abend in Luxemburg an einem Treffen teil, zu dem Spanien die sogenannten „Freunde der Kohäsion“ geladen hatte – ein Bündnis von 17 Staaten, das sich für ein größeres EU-Budget starkmacht.

 

Heute wird Haddad dann mit deren erbitterten Widersachern, die ein kleineres Budget wollen, an einem Tisch sitzen. Zu diesem Treffen haben die Niederlande geladen; mit dabei sind Deutschland, Österreich, Finnland und Schweden, aber auch Dänemark und Belgien.

 

Frankreich hat sich in den Verhandlungen bislang keinem der beiden Lager angeschlossen, während Marine Le Pen die Budgetdebatte ins Zentrum des Präsidentschaftswahlkampfs rücken will. Paris will ein moderneres Budget, zugleich aber die Agrarsubventionen schützen.

 

 

Irland erntet Kritik für „Kürzungen“ bei der Entwicklungshilfe

Irische Politiker und Entwicklungsorganisationen kritisieren den Vorschlag ihrer Regierung, im nächsten siebenjährigen Budget der EU die Ausgaben außerhalb der Union um 38 Milliarden Euro zu kürzen.

 

Gegenwind kommt sogar aus den eigenen Reihen: Der EU-Abgeordnete Barry Andrews, der wie Minister Thomas Byrne – der Urheber des irischen Vorschlags – Mitglied von Fianna Fáil ist, warnte vor einem möglichen „schweren Fehler“.

 

Byrne verteidigt seinen Kompromiss. Die Mittel für das „auswärtige Handeln“ der EU würden gegenüber dem aktuellen Budget schließlich immer noch um 31 Prozent steigen. Lesen Sie den vollständigen Artikel von Eddy Wax.

 

 

Her mit der Bremse!

Deutschlands Kanzler Friedrich Merz, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Belgiens Premier Bart De Wever holen eine Forderung vom Februar wieder hervor. Die Kommission soll eine „Notbremse“ für die EU-Bürokratie bereitstellen. Damit wollen die drei verhindern, dass regulatorische Belastungen Europas industrielle Kapazitäten aushöhlen.

 

In einem Schreiben an EU-Ratspräsident António Costa, das Rapporteur vorliegt, fordern die drei Regierungschefs vor dem Gipfel dieser Woche einen Mechanismus, der unnötige regulatorische Kosten im Zaum hält. Als letztes Mittel soll der Europäische Rat eingreifen können.

 

Außerdem wollen sie schnellere Genehmigungen für strategische Investitionen in Energie, Verteidigung, Digitalisierung und KI – und einen kräftigen Abbau der Berichtspflichten, vor allem für kleine und mittlere Unternehmen.

 

 

Eickhouts Abgang löst Reformen bei den Grünen aus

Nach dem Rücktritt von Bas Eickhout als Co-Fraktionschef haben die grünen EU-Parlamentarier im vergangenen Monat für eine Änderung ihrer internen Regeln gestimmt. Die neuen Statuten der Fraktion sehen vor, dass die letztendliche Verantwortung für die Einstellung und Entlassung von Mitarbeitenden nicht mehr bei den beiden höchsten Abgeordneten liegt, sondern beim Generalsekretär, wie drei Quellen gegenüber Rapporteur angaben.

 

Eickhout war im Mai zurückgetreten, nachdem Mitarbeitende öffentlich gemacht hatten, dass sie am Arbeitsplatz „unangemessene Beziehungen“ mit ihm gehabt hatten, was Eickhout auch einräumte. Vergangene Woche wurde Nicolae Ștefănuță als neuer Co-Fraktionschef gewählt.

 

Ein Vertreter der Grünen beteuerte, die Änderung sei schon lange geplant gewesen und habe nichts mit Eickhouts plötzlichem Ausscheiden zu tun. Ein anderer Insider bezeichnete das jedoch als unwahr. Die Regeländerung hänge direkt mit Eickhouts unrühmlichem Abgang zusammen.

 

 

Halbzeit der Legislaturperiode: S&D-Chefin rückt in die Mitte

In ihrem Programm für die Wiederwahl sprach sich Iratxe García, die spanische Europaabgeordnete an der Spitze der S&D-Fraktion, für eine Einigung mit den proeuropäischen Kräften aus und deutete damit an, dass sie lieber nicht den totalen Konfrontationskurs gegen die EVP fahren will.

 

„Ich sage es ganz offen: Ich will eine richtige Koalitionsvereinbarung mit einer proeuropäischen Mehrheit anstreben – nicht als technisches Arrangement, sondern als ernsthafte Debatte über Inhalte“, sagte sie.

 

Ob die S&D diesen Weg tatsächlich einschlägt, will die Fraktion laut García gemeinsam bei einer kommenden Klausurtagung entscheiden.

 

 

Drei neue Artikel von Rapporteur:

 
rapporteur Europa im Überblick

 

🇲🇪 PODGORICA

Montenegro hat bei der Regierungskonferenz am Montag in Luxemburg gleich drei EU-Beitrittskapitel vorläufig abgeschlossen – eines mehr als zunächst erwartet. Die EU-Mitgliedstaaten einigten sich darauf, Kapitel 17 (Wirtschafts- und Währungspolitik), Kapitel 18 (Statistik) und Kapitel 19 (Sozialpolitik und Beschäftigung) zu schließen. Damit hat Montenegro nun 21 von 33 Kapiteln vorläufig abgehakt. Bis Jahresende will das Land die Beitrittsverhandlungen unter Dach und Fach bringen. – Bronwyn Jones

 

🇩🇪 BERLIN

Arbeitsministerin Bärbel Bas hat ihren Rücktritt angekündigt. Vorausgegangen waren der Tod ihrer Stieftochter sowie „öffentliche Angriffe“, die auch aus den Reihen der CDU von Friedrich Merz kamen, mit der ihre Partei in einer Koalition ist. Zugleich legte Bas den Co-Vorsitz der SPD nieder. Bas ist mit Vorwürfen konfrontiert, Sozialreformen auszubremsen, und nahm an der jüngsten Sitzung des Koalitionsausschusses nicht teil, um sich Zeit zum Trauern zu nehmen. – Orlando Whitehead

 

🇪🇸 MADRID

König Felipe VI. und Königin Letizia besuchen am Dienstag und Mittwoch Ceuta und Melilla – es ist ihre erste Reise überhaupt in die spanischen Exklaven in Nordafrika. Bislang haben spanische Monarchen um die beiden Gebiete stets einen Bogen gemacht, um diplomatische Verstimmungen mit Marokko zu vermeiden, das die Souveränität über beide Städte für sich beansprucht. Im Vorfeld des Besuchs hatte der marokkanische König Mohammed VI. vergangene Woche vor „Druck, Drohungen oder Erpressung“ aus Madrid gewarnt. Seit der Krise in Ceuta im Juli sind die Spannungen weiterhin groß. – Inés Fernández-Pontes

 

🇦🇹 WIEN

Innenminister Gerhard Karner hat die vorübergehende Festnahme zweier ukrainischer Journalisten in Wien verteidigt. Die Polizei habe verhältnismäßig gehandelt, so Karner. Die beiden recherchierten gerade zum früheren Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko, als sie wegen mutmaßlicher Verbindungen zu ukrainischen Geheimdienstleuten, denen Spionage gegen Österreich vorgeworfen wird, festgenommen wurden. Worin diese Verbindung bestehen soll, haben die Behörden bisher offengelassen. Gegen beide Journalisten, die für Ukrainska Pravda tätig waren, wird weiterhin ermittelt. Die Ukraine verlangte eine Erklärung, Ukrainska Pravda verurteilte die Festnahme als rechtswidrig. – Jakob Ploteny

 

🇸🇪 STOCKHOLM

Sozialdemokraten-Chefin Magdalena Andersson unternimmt einen weiteren Anlauf zur Regierungsbildung und hat ihr Treffen mit Reichstagspräsident Andreas Norlén auf Dienstag verschoben. Vier Wochen nach der Wahl befinden sich die Koalitionsgespräche zwischen der Zentrumspartei und der Linkspartei weiterhin in einer Sackgasse. Norlén hat bereits klargemacht, dass Andersson sich so oder so einer Abstimmung im Reichstag stellen muss – mit oder ohne Einigung. Diese könnte schon am Donnerstag stattfinden, auch wenn das parlamentarische Verfahren noch nicht eingeleitet ist. Andersson selbst räumt ein, dass sie die Abstimmung wohl kaum gewinnen wird. – Charles Szumski

 

🇬🇷 ATHEN

Laut Berichten US-amerikanischer Medien erwägt US-Präsident Donald Trump, Kimberly Guilfoyle als Botschafterin in Griechenland abzuberufen. Sie soll bei einem privaten Treffen gesagt haben, Washington könne jede Regierung destabilisieren – auch die griechische. Damit nicht genug: Guilfoyle soll zudem einen Spender und Unterstützer Trumps gebeten haben, eine Kreditkartenrechnung über 100.000 Dollar zu begleichen. – Sarantis Michalopoulos

 

🇧🇬 SOFIA

Außenministerin Welislawa Petrowa-Tschamowa hat ihre EU-Amtskollegen am Montag in Luxemburg aufgefordert, ein Moratorium für Angriffe auf die Handelsschifffahrt im Schwarzen Meer zu unterstützen. Sechs Tage zuvor war der Frachter „Alfa Watan“ in Bulgariens ausschließlicher Wirtschaftszone gesunken, die gesamte Besatzung gilt als tot. Die Sicherheit im Schwarzen Meer sei „nicht nur Regionalpolitik; sie betrifft alle in der EU“, sagte Petrowa-Tschamowa. Sie forderte eine engere europäische Abstimmung und verwies auf ein Zentrum für maritime Sicherheit, das Bulgarien gemeinsam mit Rumänien im Rahmen der Schwarzmeerstrategie der EU von 2025 aufbaut. – Konstantin Karadjov

 
rapporteur Brüsseler Bubble

 

VERTIKALE ERWEITERUNG? EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos ließ sich gestern Abend in Luxemburg zu einem kleinen Scherz hinreißen. Bei der Pressekonferenz stand neben ihr der großgewachsene Premierminister Montenegros, Milojko Spajić.

„Nach den Niederländern sind Ihre Landsleute die größten Menschen in der Europäischen Union“, sagte sie. „Ich finde es gut, dass wir auch ein paar nette Statistiken über unsere hoffentlich baldigen Neuzugänge in der EU kennen.“

 

VON BRÜSSEL NACH BERLIN: Katharina von Schnurbein, die EU-Koordinatorin für die Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung jüdischen Lebens, wird neue Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung. Damit räumt sie nach mehr als einem Jahrzehnt ihren Posten in der Europäischen Kommission.

 

 

Herausgegeben von Jakob Ploteny

 

Redaktion: Eddy Wax, Nicoletta Ionta, Orlando Whitehead, Sofia Mandilara, Charles Szumski

 

Mitwirkende: Victoria Becker, Nikolaus J. Kurmayer, Bruno Waterfield, Pietro Guastamacchia, Florent Servia

 
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